Zeitgeschichtliche Bildung mit Kindern braucht mehr als eine
reine Wissensvermittlung. Sie braucht Zugänge, die an die
Lebenswelt von Kindern anknüpfen, sowie Räume, in denen Kinder
Geschichte erleben, hinterfragen und mitgestalten
können. Für viele Kinder im Projekt war die
Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus
und der Verfolgung jüdischen Lebens eine erste intensive
Begegnung mit diesen Themen.
Ein roter Faden dabei: der jeweilige Bahnhof am Wohnort der
Kinder. Als heutiger Alltagsort ist er zugleich ein Ort, der in
der NS-Zeit eine ganz andere Bedeutung hatte — als Ort von
Deportation, Flucht, Zwangsarbeit oder jüdischem Alltagsleben.
Den Bahnhof in dieser historischen Dimension
wahrzunehmen, war ein Ziel unserer Arbeit.
Wir möchten hier einige methodische Ansätze vorstellen, die uns
durch das Projekt begleiten.
Dabei wollten wir es Kindern ermöglichen,
Spuren und Geschichte in ihrem lokalen Lebensumfeld bewusst
wahrzunehmen und selbst zu Akteur:innen erinnerungskultureller
Prozesse in ihrem Ort zu werden.
Vom Alltag zur Geschichte — Orte und Mobilität als
Einstieg
Am Beginn steht nicht die Geschichte — sondern der Alltag der
Kinder. In Kleingruppen halten sie auf großen Plakaten fest,
welche Orte und Aktivitäten ihren Alltag prägen: das
Zuhause, die Schule, der Fußballplatz, Vereinsgelände, der
Wohnort der Großeltern, ein Urlaubsort. Sie verbinden diese
Orte miteinander und notieren, wie sie sich zwischen ihnen
bewegen — mit dem Auto, dem Bus, dem Zug, zu Fuß. Weil die
Kinder dabei vor allem an Orte denken, an denen sie Zeit
verbringen und Dingen nachgehen, die ihnen wichtig sind, taucht
der Bahnhof als Transitort meist kaum auf.
Erst wenn die Kinder ihre eigene Welt kartiert haben, wird die
Frage gestellt: Wie war das für Kinder, die hier vor ca.
90 Jahren gelebt haben? Sind sie gleichen oder ähnlichen
Aktivitäten nachgegangen? Unterschied sich ihre Mobilität? Wie
beeinflussten antisemitische Ausgrenzung und Krieg
Lebensrealitäten von Kindern?
Kreative Erinnerungswerkstatt
Bevor die Kinder sich mit lokalen Erinnerungsorten und
historischen Lebensgeschichten auseinandersetzen, wenden sie
sich den eigenen Erinnerungen zu. Woran erinnere ich
mich? Was möchte ich nicht vergessen? Was ist nur mir
wichtig, was ist vielen Menschen wichtig? In einer ersten
Reflexionsphase denken die Kinder darüber nach, welche
Personen, Erlebnisse und Orte sie nicht vergessen wollen.
In einer anschließenden kreativen Werkstattphase werden die
Kinder selbst aktiv. Sie gestalten kleine Erinnerungsprojekte,
orientiert an den Fragen, wie Denkmäler und
Erinnerungsorte funktionieren, und was sie selbst für
erinnerungswürdig halten. Eine kleine Plastik, die einen
Angelausflug mit dem Vater oder einen Spielplatz in der Ukraine
darstellt, ein Bild eines Sonnenuntergangs, den im Urlaub
niemand fotografiert hat, ein Gedenkgegenstand für verstorbene
Großeltern, ein kleines Buch voller schöner Momente — und viele
weitere Projekte, die Freundschaften, Orte und Menschen
festhalten, die nicht vergessen werden sollen.
Diese Werkstatt vermittelt, dass Erinnern ein bewusster,
gestaltbarer und menschengemachter Prozess ist, den auch Kinder
aktiv gestalten können. So können Kinder gesellschaftliche
Erinnerungskultur als das wahrnehmen, was sie ist: gemacht,
veränderbar — und kritisierbar.
Exkursionen und Spurensuche — was sichtbar ist und was
nicht?
An jedem Projektort erkunden die Kinder lokale markierte und
nicht markierte Erinnerungsorte. Ausgangspunkt ist dabei stets
der Bahnhof. Darüber hinaus führen die Wege zu ehemaligen
Wohnhäusern und Geschäften jüdischer Familien,
ehemaligen Synagogen, und Orten jüdischer Kultur, einige davon
sind heute Gedenkorte.
Die Kinder schauen hin: Wer hat hier gelebt und was haben diese
Menschen erlebt? Was sind die Geschichten dieses Ortes? Was
konnten Menschen, die hier vor ca. 90 Jahren gelebt haben schon
sehen? Was ist neu? Welche Spuren der Geschichte bleiben?
Und sie fragen nach: Wird hier erinnert? Gibt es Stolpersteine,
Gedenktafeln, Hinweise? Was ist sichtbar — und was nicht?
So verbindet die Exkursion biografische Auseinandersetzung mit
einer kritischen Wahrnehmung von Erinnerungskultur im
öffentlichen Raum.
Filmdreh — Geschichte in eigener Sprache
Nach der Exkursion werden die Kinder zu Autor:innen. In den
Gruppen, die gemeinsam Lebensgeschichten und Orte erforscht
haben, entwickeln sie ein Drehbuch — und stellen
sich dabei eine zentrale Frage: Was wollen wir anderen Kindern
und Erwachsenen über diese Menschen, diesen Ort, diese
Geschichte mitteilen? Sie treffen Entscheidungen darüber,
welche Aspekte einer Lebensgeschichte sie erzählen wollen
und wie diese dargestellt werden soll.
In anderthalb Tagen entstehen Erklärfilme und Filmcollagen, in
denen die Kinder mit Zeichnungen, Fotos und ihren eigenen
Stimmen erzählen. Die fertigen Filme werden einer
eingeladenen Öffentlichkeit präsentiert und meist auf dieser
Projektwebseite veröffentlicht. Sie verdeutlichen
die eigenen Perspektiven der Kinder auf Geschichte.
Besuchsreisen — Perspektivwechsel zwischen den
Orten
Einige Wochen nach der eigenen Projektwoche fahren die Klassen
zu einem anderen Projektort.
Dort erkunden sie einen neuen Ort mit einem neuen Bahnhof und
seinen Geschichten – diesmal unter einem anderen thematischen
Schwerpunkt. Wer in Birkenwerder jüdischen Alltag erforscht
hat, erfährt in Fürstenberg etwas über den Wandel vom
Erholungsort zum Ort der Verfolgung. Wer in Grüneberg
Zwangsarbeit in den Blick genommen hat, begegnet in Oranienburg
gelungenen und gescheiterten Fluchtgeschichten.
So erleben die Kinder, wie unterschiedlich die Themen sind —
und wie an verschiede Geschichten in anderen
Orten erinnert wird.
Die Kinder schauen sich die Filme einer anderen Kindergruppe
an, entdecken andere Perspektiven und Erzählweisen von
Geschichte und geben wertschätzendes Feedback. So entsteht ein
Austausch: zwischen Orten, zwischen Themen — und zwischen
Kindern, die alle zu Gestalter:innen von Erinnerung geworden
sind.
















